John Sinclair

Jason Dark

VATER ALLER MONSTER...

"Er verkauft mehr als Simmel und Konsalik, aber auf der Buchmesse kennt ihn keiner:
Helmut Rellergerd ist der König des Groschenromans"

Das Grauen wohnt in einem Reihenhaus in Bergisch Gladbach. Mordende Skelette, die Schattenfrau, Vampire und das Phantom aus dem Jenseits sind hier zum Leben erweckt worden. In dem hübschen Häuschen mit der blutroten 13 verbirgt sich Helmut Rellergerd - Deutschlands wohl erfolgreichster Schriftsteller, dessen Auflage bei 200 Millionen liegt. Das schaffen Konsalik und Simmel nicht einmal mit vereinten Kräften.

Das Stakkato einer unermüdlich klappernden Schreibmaschine dringt bis auf die Straße. Im Haus schwillt das Gehämmer mit jeder Treppenstufe an, je näher das Dachgeschoss rückt. Hier sitzt der geistige Vater aller Monster und Dämonen an einer grünen, 20 Jahre alten Schreibmaschine. An der Wand hängt ein Ölgemälde des Hausherren, da blickt er bitterböse aus einem pechschwarzen Hintergrund heraus. Der echte Rellergerd sitzt in einem hellen Zimmer und macht ein freundliches Gesicht.

Der Auflagenkönig ist wie aus dem Ei gepellt: adrett gescheiteltes graues Haar, eine hautfarbene Hose mit passendem Hemd, der oberste Knopf geschlossen. Mit rasenden Händen hackt der 52-jährige auf die Tasten ein. Zwischendurch knallt die Walze zurück. Beschriebenes Papier rollt im Minutentakt aus dem Modell „Olympia“. Mit zwei Fingern tippt Schnellschreiber Rellergerd flink wie eine Kassiererin: „Ich bin ein kreativer Knochenarbeiter.“ Bei einem Pensum von 30 Seiten am Tag muss sich der Mann allerdings auch ranhalten.

Jason Dark Helmut Rellergerd ist nicht nur Deutschlands meistgelesener Autor, sondern auch der furchtbarste: Unter dem Pseudonym Jason Dark schickt er Scotland-Yard-Agent John Sinclair auf Geisterjagd. Seit 25 Jahren ist Sinclair so umtriebig wie sein Schöpfer. Wöchentlich erscheint im ebenfalls in Bergisch Gladbach beheimateten Bastei Lübbe Verlag ein Abenteuer-Heftchen des Helden - einmal im Monat kommt ein Taschenbuch heraus, eine Geschichte wurde von RTL unter dem Titel „Die Dämonenhochzeit“ bereits verfilmt.

Millionen kennen John Sinclair; keiner kennt Helmut Rellergerd. Der erfolgverwöhnte Schriftsteller führt mit Ehefrau Roswitha und seinen zwei erwachsenen Kindern, die keines seiner Werke gelesen haben, ein zurückgezogenes Leben. er mag keine Partys, kein Promi-Getue und bliebt als Person lieber im Dunkeln. Konsequent verschanzt er sich hinter dem Pseudonym Jason Dark. Und so soll es bleiben, „der Kinder wegen“.

Berühmt zu werden hatte sich Helmut Rellergerd in seinem Leben nicht eingeplant. Aus purer Langeweile schrieb der Chemotechniker bei der Bundeswehr seinen ersten Roman, „wenn die anderen saufen gingen.“ Der erste Versuch wurde abgelehnt, aber schon der zweite gedruckt. Das Erstlingswerk „Im Kreuzfeuer der Todesdrachen“ stellte gleich die Weichen in Richtung Trivialliteratur: „Ich dachte, damit würde man reich.“

Bei Bastei Lübbe ist er es jedenfalls nicht geworden. Sein Gehalt ist trotz Schwindel erregend hoher Auflagen bodenständig geblieben. Der Verlag zahlte ihm knapp 2500 Mark pro Heft, gibt Lohnschreiber Rellergerd bereitwillig Auskunft. Dass er kein Millionär ist wie weitaus weniger verkaufsstarke Schriftstellerkollegen, stört nicht weiter: „Da gewöhnt man sich dran.“ Auch mit dem Etikett Groschenroman kann Helmut Rellergerd gut leben. „Die Leute wissen halt nicht, wie viel Arbeit  dahinter steckt“, sagt er freundlich lächelnd. Und wie viel eiserne Disziplin: Jeden Morgen pünktlich um 7.45 Uhr macht sich der gebürtige Dortmunder an sein schauriges Werk. Da weiß er noch nicht, was er zu Papier bringen wird: „Das kommt beim Schreiben.“ Im Kopf läuft dann ein Gruselfilm ab, in dem Regisseur Rellergerd die Figuren dirigiert. Das ganze Drehbuch wird dann in die Schreibmaschine gehackt.

Wenn er sich von seinem Schreibtisch erhebt, ist es 14 Uhr, 30 Seiten sind zu Papier gebracht und der Arbeitstag ist erst halb vorbei. Die Recherche für das tägliche Seitenpensum beginnt. Auf der Suche nach Themen wälzt der Horror-Autor Sachbücher  über Hexen, Kobolde, Monster und Mythen, die sich zu Hunderten in seinen Bücherregalen stauen.

Überall stöbert er den Schrecken auf. Ein Artikel über Tierversuche inspirierte den Roman „Die Katzengöttin“, in dem geschundene Vierbeiner endlich Rache üben durften. Auch naheliegendes schreibt Helmut Rellergerd zum Alptraum um. In dem Heft „Grabphantome greifen an“ machte er die Heimatstadt Bergisch Gladbach zum Zentrum des Grauens - ausnahmsweise. Denn im Prinzip hält es Rellergerd ganz mit Karl May: Bloß nicht den Ort des Geschehens kennen. In England, wo sein Held John Sinclair hauptsächlich tätig wird, ist er nie gewesen.

Wozu auch. In seinem Arbeitszimmer türmen sich Atlanten, Straßenkarten von England und Stadtpläne von London. Helmut Rellergerd fährt mit den Finger über die Landkarte bis zur Sinclair Bay. „Sehen Sie, hier spielt ,Ich töte jeden Sinclair‘.“ In dem Nest an der Küste Nordostschottlands lebte - so erzählt die Sage - einmal der Earl of Sinclair. Der ließ seinen Sohn im Turm verhungern - der Stoff, aus dem Helmut Rellergerds Schauermärchen sind. „Ich töte jeden Sinclair“ wird derzeit von RTL als Pilotfilm einer achtteiligen Sinclair-Serie verfilmt.

Die vorgetäuschte Ortskenntnis braucht Rellergerd, um jenen Anschein von Authentizität in die hanebüchenen Storys zu zwingen, der seine Leser bei der Stange hält. In den „über 16000 Leserbriefen“ schwärmten die Fans immer wieder, John Sinclair sei „so lebensecht“.

Nach 20 Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit sind der Meister und seine Schöpfung eins geworden. Rellergerd über sein Alter Ego: „Das ist ein Typ wie ich: Der fährt mit der U-Bahn, ärgert sich über das Wetter und holt sich an der Ecke eine Currywurst.“ Vielleicht ist es die Mischung aus Alltag und Märchen, die Helmut Rellergerds Erfolgsstory geschrieben hat. John Sinclair war jedenfalls der einzige Geisterjäger einer ganzen Roman-Staffel, der sich in der 1973 im Bastei-Verlag gestarteten Gruselserie durchsetzte. Warum ausgerechnet sein Groschenheft-Held nicht floppte, weiß der Autor auch nicht - oder will es nicht verraten. Nur so viel: „Die haben irgendwann gemerkt, dass er sich besser verkaufte als die anderen.“ Fortan klinkte sich Helmut Rellergerd aus dem Autorenkollektiv der Serie aus und blieb alleiniger Autor der Jason-Dark-Reihe. Zum Vergleich: An der Schundheft-Serie Jerry Cotton schreiben zehn Verfasser.

Obwohl Trivial-Literaten nicht zum „Literarischen Quartett“ eingeladen werden und in Feuillton-Redaktionen Gruselschauer auslösen, sind die Lieblingsautoren der Deutschen. Ob sie über Krankenschwestern, Weltraumfahrer, Adlige oder Geheimagenten fabulieren - Millionen Leser tauchen wöchentlich in ihre bunte Welt ein. Allein 100.000 Käufer gehen Woche für Woche mit John Sinclair auf Gespensterjagd und verhelfen so Autor und Verlag zu einer der bestverkauften Groschenheft-Serien in Deutschland.
Nicht nur hier: Von Italien bis Norwegen suchen Helmut Rellergerds Horror-Visionen mittlerweile ganz Europa heim. Allerdings mit unterschiedlichem Erfolg. Der Verfasser hat dazu eine eigene Theorie entwickelt: „Je katholischer das Land, desto weniger Erfolg.“ Denn dort, so Helmut Rellergerd, sei man von Kindheit an aus den Blutrünstigen Heiligen- und Märtyrergeschichten Härteres gewöhnt. Er schreibt Grusel light, es gibt dunkle Friedhöfe und quietschende Türen, aber „keinen Sex, kein Gemetzel und keine rausquellenden Gedärme“.

Sein Publikum fühlt sich mit diesem Nervenkitzel, den auch eine Kirmesgeisterbahn auslöst, gut bedient. Rund 40 Prozent der Sinclair-Leser sind weiblich. Über 50 Fanclubs in Deutschland huldigen mittlerweile dem sanften Agenten, der gewaltfrei mit einem geweihten Silberkreuz kämpft. Nach 20 Jahren literarischer Akkordarbeit hat Rellergerd „komischerweise immer noch Spaß“.

Auf die Frage nach Vorbildern nennt er einschlägig bekannte Regisseure: „Hitchkock, Spielberg, Kathryn Bigelow“. Keinen Poe, keinen King. Den schon gar nicht. Rellergerd über den internationalen Superstar des Gänsehaut-Gewerbes: „Ich bin länger da als Stephen King.“ «

aus: DIE WOCHE vom 09. Oktober 1998